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Reisen:
Gran Canaria

Staubsauger am Morgen

Wenn einer eine Reise tut ...

(Foto: © Frank R. Bulla)

Im Urlaub widerfahren einem zuweilen die merkwĂĽrdigsten Dinge. Anfang 2018 waren wir auf einer Kanaren-Insel unterwegs.

Das Essen allgemein

Dass das Abendessen in einem Hotel grottenschlecht ist, gehört manchmal noch zu den harmlosesten Dingen. Ist es doch pure Geschmackssache, wenn einem ein „kanarisches Fischfilet“ angeboten wird, das sich letztlich als Pangasius herausstellt und zudem völlig übersalzen ist – vermutlich, um den Geschmack nach billigster Meeresfrucht zu überdecken und sich schlimmstenfalls – zu Gunsten der Gewinnmaximierung – die Blöße zu geben, die Würze nicht richtig einschätzen zu können und kein besonders guter Koch zu sein. Ähnlich verhält es sich mit dem als „Putenschnitzel“ angepriesenen Etwas: trocken, zäh und versalzen.

Dass wir uns in der Apartment-Anlage mit dem wohlklingenden Namen „Acapulco“ überhaupt nochmals auf dieses kulinarische Abenteuer einließen, lag lediglich daran, dass wir am Tag der Anreise keine Lust mehr hatten, eines der nahegelegenen Restaurants aufzusuchen. Zudem hatten wir ein Fünkchen Hoffnung, dass sich nach unserem letzten Besuch in dieser Anlage vor zehn oder 15 Jahren etwas zum Besseren gewendet haben könnte. Weit gefehlt! Leider erfuhr nur der Preis des Essens eine bislang unerreichte Höhe. Zum Glück hatten wir eines aus der Erfahrung von vor Jahren gelernt: In diesem Hotel ist „Übernachtung mit Frühstück“ völlig ausreichend.

Immerhin war das Frühstücks-Bufett – gemessen an der Kategorie – von der Auswahl und der Qualität her ganz brauchbar.

Das FrĂĽhstĂĽck

Apropos: Frühstück. Bereits unsere erste Konfrontation mit der ersten Mahlzeit des Tages – es war Mittwoch – brachte eine bislang nirgendwo auf der Welt erlebte Überraschung: Mitten in der relativ kurzen Frühstückszeit (08:00 bis 10:00 Uhr) wurden wir durch ein äußerst lautes Geräusch aufgeschreckt: Ein junger Mann, seines Zeichens Bufett-Auffüller, Tischabräumer und Musik-CD-Starter (positiv hervorzuheben sei sein guter Geschmack in Bezug auf spanische Musik) war auf der anderen Seite des Frühstücksraums über einen Staubsauger gebeugt, den er eifrigst und vollkommen ungeachtet der verwundert bis ärgerlich dreinblickenden Gäste über einen Zeitraum von wenigstens zehn Minuten betätigte. Die kurze Sound-Datei, aufgenommen aus einer Entfernung von etwa sechs bis acht Metern, macht das Getöse deutlich, das jegliche Unterhaltung am Tisch unmöglich machte.


Zum Reinhören:  „Staubsauger
am Morgen“
(Datei: © Frank R. Bulla)

bl_Staubsauger.mp3 (713.9KB)
bl_Staubsauger.mp3 (713.9KB)


Da aus der Entfernung und aus der Situation heraus nicht der Grund für die nicht unerhebliche Ruhestörung zu erkennen war, versuchten wir die ungewöhnliche Tätigkeit damit zu erklären, dass wohl ein Gast den Bereich um seinen Tisch herum ganz besonders verschmutzt haben musste.

So taten wir das Geschehen als einmaligen AusreiĂźer ab.

Das Frühstück am Donnerstag verlief nahezu ereignislos, sieht man mal davon ab, dass die diesmal für die Musik zuständige, etwas ältere Kollegin offenbar mehr auf stinknormale Pop-Musik stand. Der junge Mann hatte wohl seinen freien Tag.

Der Freitag gestaltete sich abermals sehr lebendig: Der junge Mann war wieder im Dienst und betätigte CD-Player wie auch Staubsauger wie gewohnt virtuos. Ich muss gestehen, dass mir überhöhte Lautstärke beim Essen doch ein wenig auf den Magen schlägt, was mich nach kurzer Überlegung dazu veranlasste, den Raum zu durchqueren, um den jungen Mann anzusprechen. Ich kann zwar ein wenig Spanisch, aber durch die ärgerliche Situation ein wenig aufgebracht, fehlten mir dann doch die passenden Worte. Gleichwohl hätte mich ein aussagekräftiger spanischer Satz in diesem Moment eh nicht weitergebracht, da man mich ob der Lautstärke wohl eh kaum hätte verstehen können. Stattdessen warf ich einen Blick auf die Höllenmaschine, suchte erfolglos nach dem Knopf zum Ausschalten und hatte dann zumindest die Hoffnung, zu erkennen, wo das Stromkabel entlanglief, um der Maschine durch Ziehen des Steckers den Garaus machen zu können. Aber das Kabel verlief irgendwo unter und an den Tischen vorbei, wo Gäste saßen.

Da der Herr mit dem offensichtlichen Putzfimmel mächtig vertieft in seine reinigende Tätigkeit war und nicht wahrnahm, dass ich bestimmt schon 20 Sekunden bei ihm stand, tippte ich ihn kurzerhand an, um ihn auf mich und mein Anliegen aufmerksam zu machen. Angesichts des Lärms machte ich per Handzeichen deutlich, dass ich beim Essen bin und das es sehr laut ist. Zunächst machte er den Eindruck, dass er verstanden hätte, er möge mir in irgendeiner Angelegenheit das Frühstück betreffend behilflich sein, schaltete also den Staubsauger aus und wollte sich schon auf den Weg zu unserem Tisch machen. Ich stoppte ihn und warf ihm ein paar Worte hin, die „estamos comer“ („wir essen gerade“) enthielten und einen Hinweis auf den Krach („muy ruidoso“). Allmählich schien er den Zusammenhang zu begreifen, gestikulierte (des Englischen war er im Grunde nicht mächtig, zudem schien er davon auszugehehen, dass ich kein einziges Wort Spanisch verstehe), wohl um mir zu zeigen, dass er saugt, damit hier keiner ausrutscht, und trottete mit seinem Staubsauger von dannen.

Eines kleinen Erfolgs gewiss, nahm ich wieder Platz, um das Frühstück fortzusetzen. Zehn Minuten später jedoch dröhnte wieder das Staubsaugergeräusch herüber. Immerhin erhoben jetzt auch andere aus der sonst eher ängstlichen und uncouragierten Schafherde ihre Stimmen. Vor allem wohl jene, die augenscheinlich von der hinten aus dem Staubsauger austretenden Luft getroffen wurden. Nach weiteren Minuten war der Spuk für diesen Tag vorbei. Zurück blieben ein wenig verstörte Gäste, denen es an Verständnis für die zeitlich völlig deplatzierte Reinigungsaktion fehlte.

Hielten wir die Störung vor dem Freitag noch für eine Ausnahme-Situation, verfestigte sich allmählich der Verdacht, dass der Auftritt des Staubsaugermanns nicht sein letzter war. Vorsorglich informierten wir die Reiseleitung, auf dass diese sich der Sache annehmen würde.

Mal am Rande erwähnt: Auch in der Reise-Branche ist schon längst die Moderne mit der damit verbundenen Ersparnis angekommen. Hatten wir in den Jahrzehnten zuvor noch eine Reiseleitung vor Ort und war diese wenigstens einmal pro Woche persönlich im Hotel anwesend, muss man heutzutage schon mal zur Telekommunikation greifen. Wir entschieden uns jedenfalls für die Konversation per „WhatsApp“, was allerdings bekanntlich die Dinge nicht wirklich vereinfachte, weil es immer auch eine Frage dessen ist, wie klar sich jemand ausdrückt und wie gut jemand das Gesagte versteht. Insofern waren zum eindeutigen Verständnis viel mehr Sätze erforderlich, als man am Telefon oder im persönlichen Gespräch gebraucht hätte.

Aber zurück zum Ort des Geschehens ... Vollkommen erwartungskonform hatte der junge Mann am Samstag keinen Dienst. Entsprechend blieb auch der Staubsauger unangetastet an seinem angestammten Platz (an einer Wand des Frühstücksraumes – wo sonst sollte ein Staubsauger in einem Hotel untergebracht sein!?). Das blieb auch am Sonntag so – und das, obgleich der junge Mann wieder seinen Frühstücksdienst versah. In der Gewissheit, dass unsere Beschwerde bei der Reiseleitung nun endlich gefruchtet hat, sahen wir dem Wochenanfang positiv gestimmt entgegen.

Wider Erwarten hatte der junge Mann am Montag nicht dienstfrei. Dennoch waren wir genauso überrascht wie fassungslos, als er mitten im Frühstück den vermutlich einstigen und inzwischen umgebauten Laubbläser ertönen ließ – diesmal zwar nur gut fünf Minuten lang, aber die Frühstücksruhe war abermals dahin. An diesem Tag erst bekamen wir von der Reiseleitung eine Vorgangsnummer mitgeteilt – vermutlich brauchte es ein paar Tage, um unsere Reklamation an die zuständige Abteilung weiterzuleiten. Da wir – wunschgemäß – nach der ersten Reklanation täglich Bericht erstatteten, sofern es Grund zur Klage gab, mussten möglichersweise in einem unständlichen Verfahren irgendwann erst mal all unsere „WhatsApp“-Nachrichten zu einem Vorgang zusamnengebaut und hernach von einem Gremium diskutiert werden.

Der Dienstag war von einem Novum geprägt. Hatten wir uns doch angesichts der erhaltenen Vorgangsnummer und der Abwesenheit des jungen Mannes auf ein ruhiges und besinnliches Frühstück eingestimmt. Diesmal war unser Lieblingsplatz – einige Meter entfernt von dem Bereich, in dem immer mal wieder lautstark gesaugt worden ist – leider besetzt. Mitten im Frühstück befindlich, sahen wir plötzlich eine der beiden älteren Frühstückskräfte in unsere Richtung eilen. Ehe wir uns versahen, hatte sie den Staubsauger in der Hand und dröhnte uns damit minutenlang zu. Sie nahm zwar meine bösen Blicke wahr – ganz im Gegensatz zu dem jungen Mann, der stets völlig unbeirrt sein Ding durchgezogen hatte –, schaute darum fast ein wenig schuldbewusst aus der Wäsche, konnte aber wohl nicht anders, als den Boden mit dem Staubsauger zu bearbeiten. Neben den bösen Blicken, die ich ihr schickte, gab ich auch eine Tirade an Verwünschungen von mir, die sie ob der Lautstärke des Staubsaugers allerdings nicht zu hören vermochte – zu ihrem Glück oder vielleicht auch zu meinem, sonst hätte sie mich womöglich noch wegen Beleidigung belangt. Nachdem sie schließlich mit dem Saugen fertig war, war sie noch mit einem Wischmob im Gange, mit dem sie unsere Hälfte des Frühstücksraums bearbeitete. Wohlgemerkt: während der offiziellen Frühstückszeit.

Was wir tags darauf von unserem gegenüberliegenden Appartment gut zu erkennen vermochten, konnte die lärmende Frühstücksfee einem im Frühstücksraum aufgelaufener Handwerker mit Händen und Füßen in etwa wiedergeben, wie ich mich im Rahmen meines Wutanfalls gebärdet hatte. Das Nachäffen untermalte sie noch mit undefinierbaren Lauten, was ja auch klar war, da sie mich wegen des lauten Staubsaugers nicht hatte hören können – und selbst wenn, hätte sie bestimmt mit den meisten der deutschen Schimpfwörterm, die ich benutzte, eh nichts anfangen können.

Ganz allmählich, vor allem auch angesichts der Raumbegehung durch den Handwerker, kam uns der Verdacht, dass die ganze Staubsauger-Aktion möglicherweise mit der Feuchtigkeit an den Wänden und einer eventuell daraus resultierenden Pfützenbildung innerhalb des Frühstücksraums in Zusammenhang gestanden haben könnte, auch wenn wir dessen nicht direkt gewahr geworden waren. Es soll ja Geräte geben, die nicht nur trockene, sondern auch feuchte Substanzen aufsaugen können. Trotzdem fragen wir uns, warum man die Gäste mehrfach mit dem Staubsauger belästigen musste: Mit Besen, Wischmob und Lappen hätte man – wenn es sich denn ganz und gar nicht vermeiden ließ – still und leise agieren können. Jedenfalls war von diesem Tag an Ruhe im Frühstücksraum, bis wir ein paar Tage später schließlich planmäßig abreisten.

Die Kleiderordnung

OK, man könnte sich abschließend noch über die Kleiderordnung des Frühstücks-Personals muckieren – aber was soll man sich aufregen über Leute, die sich an ihrem Arbeitsplatz dermaßen heimisch fühlen, dass sie gar Klanotten tragen, die andere Leute schlimmstenfalls zu Hause anziehen: schlabberige Jogging-Hosen und ebensolche T-Shirts. Man ist schließlich im Urlaubs-Paradies „Acapulco“: dort, wo andere Leute Urlaub machen und in der Öffentlichkeit teils so rumlaufen, wie sie es in der Heimat niemals wagen würde.

Last not least ...

Zum Glück war die Appartment-Anlage sonst ganz in Ordnung und vor allem auch sehr sauber gehalten, was bei der Hotel-Kategorie nicht selbstverständlich ist. Hervorzuheben sei auch die himmlische Ruhe auf dem Gelände: Selten habe ich eine solche Location derart leise erlebt! Da auf den Kanaren gerade Appartment-Anlagen immer wieder dankbares Ziel von Einbrechern sind, wurde in diesem Punkt eine Menge Vorbeugendes in die Wege geleitet. Wäre die Sache mit dem Staubsauger nicht gewesen, wären wir höchst zufrieden gewesen!

Den vornagegangenen Beitrag
finden Sie ĂĽbrigens auch
in der Anthologie
„Die Zeit fliegt mitsamt der Uhr“.