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Reisen:
Madeira

Madeira sehen – und weiterleben!

Timo Beil's portugiesische Halbschwester Fátima da Mar
über ihren ersten Besuch auf der Atlantik-Insel –
ein Reisebericht

(Fotos: © Frank R. Bulla)

Fátima da Mar hatte im Sommer 2012 erstmals das Vergnügen, portugiesischen Boden zu betreten: Sie besuchte zwei Wochen lang die Insel Madeira.

Als Tochter zweier Eltern (Vater Portugiese, Mutter Deutsche) hatte sie allerdings nie die portugiesische Sprache erlernt, da sich der Vater bereits in den 60er Jahren als Gastarbeiter nach Deutschland begeben hatte, wo er sich sehr schnell integrierte und allmählich den Bezug zur Heimat verlor.

Im Folgenden äußert sich Fátima in einem kleinen Abriss zu der landschaftlich ausgesprochen attraktiven Insel im Atlantischen Ozean sowie zu einer ganzen Reihe von Vorkommnissen und Unpässlichkeiten, die sich während ihres Aufenthaltes abzeichneten ...

Themen

  • Der Urlaubsort
  • Das Hotel
  • Das FrĂĽhstĂĽcks-Bufett
  • Die Tierwelt
  • Autofahren
  • StraĂźen und Tunnel
  • Ein kleines Wanderparadies
  • Sport auf Madeira
  • Die Sprache
  • Die Einheimischen
  • Der RĂĽck-Transfer zum Flughafen
  • ResĂĽmee

Der Urlaubsort

Wie jedes touristisch heimgesuchte Eiland, so hat auch Madeira mindestens einen „Arsch der Welt“. Der von mir ausgesuchte heißt mit Nachnamen zufälligerweise ähnlich wie ich: Paúl do Mar.

Der des Portugiesischen nicht Mächtige vermutet hinter dem Namen vielleicht so was wie „Paul vom Meer“. Wenn mir dieses kleine deutsch-portugiesische Wörterbüchlein nicht bereits am zweiten Tage verraten hätte, dass in diesem Falle Paúl kein Name ist, sondern das portugiesische Wort für Sumpf, hätte ich womöglich zwei Wochen lang nach dieser ominösen Person gesucht, um sie endlich mal kennenzulernen.

Das Hotel

Paúl do Mar ist ein verschlafenes Nest im Westsüdwesten der Insel. Das gleichnamige „Apart Hotel“ liegt am Ende einer wenig befahrenen Straße in einer Sackgasse. Mit vier Sternen schien das Hotel, in dem ich gastierte, ein wenig überbewertet zu sein. Vermutlich hat sich das Haus die hohe Bewertung erarbeitet mit Angeboten wie Innen- und Außen-Swimmingpool, Sonnenterrasse, Massage-Bereich (dieses spezielle Angebot ersetzte, wie sich schließlich nach längerer Raumsuche herausstellte, den noch im Reisekatalog vermerkten Fitness-Bereich) und anderen Kleinigkeiten, die nicht wirklich jeder braucht – vor allem: Wer sich im Sommer lieber am Pool räkeln will, braucht nicht so weit zu fliegen, sondern ist bereits nach rund zwei Stunden auf Mallorca.

Die appartmentmäßig eingerichteten Zimmer waren zwar sehr gepflegt, ebenso wie der Speisesaal, aber dem Haus merkte man schon an vielen Stellen an, dass es in die Jahre gekommen ist.

Der Zimmer-Service war im Großen und Ganzen nicht so übel, wenngleich ich es von anderen Hotels mit weniger Sternen gewohnt bin, dass beim Wischen des Fußbodens durchaus auch mal Gegenstände wie Koffer und Schuhe angehoben werden, um darunter zu wischen. Hier jedoch wurde offenbar grundsätzlich drumherumgewischt. Im Urlaub passiert es einem als Gast durchaus mal, dass einem eine leere Kekstüte vom Nachttisch fällt oder eine leere Wasserflasche aus Plastik unters Bett rollt (und nach einer anstrengenden Wanderung ist man ja auch nicht immer fähig, sich danach zu bücken); und wenn diese Abfälle dann erst nach drei, vier Tagen von den Zimmermädchen beseitigt werden, ist das schon ein wenig merkwürdig, nicht wahr!?

Das sechsstöckige Hotel (plus Untergeschoss) hatte natürlich einen Aufzug. Das heißt: Eigentlich hatte es zwei Aufzüge, aber während meines Aufenthaltes war nur einer in Betrieb, was an den gastreichen Wochenenden zu einer echten Geduldsprobe werden konnte, denn nicht immer hatte ich Lust, durch das dunkle und stickige Treppenhaus in mein Zimmer im fünften Stock zu gehen. Das Treppenhaus fand ich übrigens erst durch Zufall nach fast einer Woche. Die einzige Treppe, die ich bis dahin entdeckt hatte, war offenbar eine Feuertreppe, die außen am Gebäude angebracht war, recht renovierungsbedürftig erschien (und von daher nicht besonders Vertrauen erweckend) und auch nur für den Weg aus dem Hotel heraus genutzt werden konnte, weil man von außen vor verschlossenen Türen stand.

Das FrĂĽhstĂĽcks-Bufett

Im Laufe der Zeit entwickelt man als Urlauber ein Gefühl dafür, wenn es darum geht, ob man bei einem Urlaub in einem unbekannten Hotel Halb- oder Vollpension bucht. Bei diesem Hotel hatte ich mich intuitiv richtig für die Version „Übernachtung mit Frühstück“ entschieden. Denn bei der Anreise spätabends war klar, dass nur noch im Hotelrestaurant gespeist werden konnte, und das bot gerade ein Bufett zum Preis von 20 Euro pro Person, während auf der Speisekarte – sachlich wie preislich – nichts wirklich Ansprechendes zu finden war für jemanden, der gewohnt ist, sich vorzugsweise fast vegetarisch zu ernähren. Bei 20 Euro pro Person erwartet man ein ausgesprochen vielseitiges und reichhaltiges Bufett. Aber weit gefehlt! Um es kurz zu machen: Selbst 10 Euro wären grenzwertig gewesen angesichts der erbärmlichen Auswahl und der gewöhnungsbedürftigen Qualität.

Insofern war ich hinsichtlich des Frühstücks auf wirklich alles gefasst. Doch es erwies sich als gut. Zwar relativ einfach gehalten, umfasste es aber das Nötigste, was man von einem einigermaßen guten Bufett erwartet. Als Ausgleich zu reichlich frischem Obst gab es nur sehr selten gekochte Eier – offenbar wollte man mit Rührei im Rahmen von „Bacon and Eggs“ den Engländern einen Gefallen tun, die auf Madeira angeblich reichlich vertreten sein sollen (im Hotel jedenfalls begegneten mir kaum welche; vermutlich sind sie lediglich in den Touristenhochburgen mit „All inclusive“-Angeboten zahlreich anzutreffen). Stattdessen traf ich Portugiesen und Skandinavier an sowie eine neureiche russische, wohl aus drei Generationen bestehende Sippe, die zwei große Tische des Speisesaales in Beschlag nahm und die alles in ihre „Abercrombie & Fitch“- und „Hilfiger“- Klamotten gewandete Körper stopfte, was reinging – zumindest zeugten ihre Leibesumfänge von dieser Vorliebe.

Die ebenfalls zahlreich vorkommenden Franzosen, die offenbar eine Vorliebe für Gruppenreisen hatten, konfiszierten regelmäßig die wenigen etwas größeren Kaffeebecher (standardmäßig gab es sonst nur normalgroße Kaffeetassen) – vermutlich für ihren „Café au Laît“. So musste ich meinen „Café com Leite“ meist auf zwei gewöhnliche Tassen verteilen: eine mit Kaffee und eine mit Milch, die ich nach und nach in die Tasse mit der ausgesprochen leckeren koffeinhaltigen Flüssigkeit goss. Die Bereitstellung der Croissants, die am Anfang meines Urlaubs noch verlässlich erfolgte, wurde kurz nach Eintreffen einer großen französischen Reisegruppe und dann tagelang eingestellt. Ob das Zufall war oder möglicherweise die Franzosen die Bestände dermaßen zusammengefressen hatten, dass sich das Hotel gezwungen sah, die Produktion einzustellen, blieb dahingestellt. Komischerweise wurden, nachdem die Franzosen ausgecheckt hatten, wieder Croissants zum Bufett beigesteuert – allerdings wesentlich kleinere als anfangs und weniger schmackhaft, weil sie etwas zu lange gebacken worden waren.

Die Tierwelt

Kakerlaken kennt man u. a. von der Karibik wie auch von vielen südlicheren Atlantik-Inseln her – ob Kanaren oder Azoren, so auch auf Madeira. Qualitativ unterschiedliche Hotels bringen es mit sich, dass diese possierlichen Tierchen mal mehr, mal weniger stark in Erscheinung treten. Oft findet man in adäquaten Urlaubsorten tote Kakerlaken auf der Straße vorm Hotel, seltener tote Exemplare in den Fluren der Hotels. Noch seltener begegnen einem Kakerlaken im Hotelzimmer, weil wohl seitens der Reinigungskräfte irgendetwas dagegen unternommen wird (was natürlich nicht unbedingt impliziert, dass diese Gegenmaßnahmen der menschlichen Gesundheit besonders zuträglich sind).

Mir indes begegneten in zwei Wochen drei Exemplare im Zimmer und im Bad – und das natürlich zu Zeiten, da die Tiere am aktivsten und der Mensch am wenigsten Bock auf sie hat: spätabends und während der nächtlichen Pinkelpause. Da hilft dann nur noch der beherzte Einsatz stabiler handelsüblicher Latschen, ein geschickter Umgang mit denselben und der reaktionsschnelle Blick des Jägers, denn Kakerlaken sind recht flott unterwegs, besonders wenn sie – als lichtscheues Gesindel – sich ertappt fühlen und verzweifelt nach einem Versteck suchen.


Höchst erfreulich hingegen war die Anwesenheit von Tieren, die mit dem Tageslicht überhaupt kein Problem haben, im Gegenteil sogar die Sonne lieben. Die Rede ist von Mauer- Eidechsen, die sich regelmäßig auf dem Hotelbalkon tummelten und (offenbar gewohnheitsmäßig) das eine oder andere Leckerli seitens der sonnenhungrigen Touristen erwarteten.

Den Reinigungskräften des Hotels kann man wahrlich nicht unterstellen, dass sie sich während des Aufenthalts über Gebühr um die Reinigung des Balkons kümmerten – dennoch war der Balkon stets fast wie geleckt, weil sich die Eidechsen regelmäßig um die Beseitigung von Brot- und Käsekrümeln und dergleichen kümmerten.

Im übrigen war es eine regelrechte Augenweide, diesen zartgliedrigen und sehr flinken und gewandten kleinen Tieren bei ihren Aktivitäten zuzuschauen. Sie hatten zwar ihre natürliche Scheu nicht verloren, kamen aber manchmal, wenn man stillhielt, bis auf wenig Zentimeter an einen heran. Zwischendurch legte ich mich auch mal auf ein Handtuch direkt auf den Balkonfußboden und genoss die Sonne, während die Eidechsen näherkamen, vorsichtig an meinen Fingern, Zehen und Haarspitzen knabberten und es sich auch nicht nehmen ließen, auf meinen Armen, Beinen oder meinem Bauch herumzukrabbeln

Autofahren

Die Preise auf Madeira haben – vermutlich auch infolge der Euro-Krise, von der auch Portugal heimgesucht worden ist (der Höchstsatz der Mehrwertsteuer liegt inzwischen bei 23 Prozent!) – deutsches Niveau. Sehr teuer ist auch ein Lebensmittel, das man nicht nur aufgrund der sommerlichen Temperaturen dringend und reichhaltig benötigt, sondern auch weil das Trinkwasser aus der Leitung nicht wirklich genießbar ist: Mineralwasser (üblicherweise bezeichne ich solch kostspielige Getränke, wie man sie regelmäßig auch an Flughäfen findet, immer ganz gern als „Goldwasser“).

Die Spritpreise liegen sogar noch ein wenig über den hohen Preisen, wie wir sie gewohnt sind. Weit über dem Niveau, das man von südeuropäischen Inseln gewohnt ist, liegen auch die Konditionen für Mietwagen. Das Fahrzeug der billigsten Kategorie schafft viele Steigungen der sehr gebirgigen Insel fast nur im ersten Gang, was auf Dauer ganz schön anstrengend ist – nicht nur für das Auto; für das Geld hätte man auf einem anderen Eiland schon einen PS-starken Wagen der gehobenen Mittelklasse mieten können.

Der regionale Anbieter des Mietwagens wollte obendrein noch 12 Euro für die Eintragung eines zweiten Fahrers, was woanders lediglich eine versicherungstechnische und kostenlose Formalität ist. Und nirgendwo auf der Welt wurde ich so detailliert auf meine Rechte und vor allem meine Pflichten hingewiesen – und noch nirgendwo (selbst nicht in der pingeligen Heimat) wurde das Auto vor Fahrtantritt innen und außen so adleräugig in Augenschein genommen und selbst kleinste Kratzer im Protokoll dokumentiert. Und noch nirgendwo auf der Welt wurde mir der (geradezu unseriöse) Vorschlag unterbreitet, dass ich auf den Versicherungsaufschlag (Vollkasko) verzichten, stattdessen aber 300 Euro Kaution zahlen könne, die ich im Falle einer unfallfreien Nutzung zurückbekäme. Im Schadensfalle allerdings würde ich – so erklärte mir die mega-toughe junge Vermieterin – auf allen Kosten sitzen bleiben.

Immerhin wurde für die geplante Mietdauer ein (wenngleich horrender) Festpreis vereinbart, in dem alles enthalten war – vermutlich auch eine unangemessen hohe Gebühr, die ein weltweit agierender Mitbewerber der Autovermietung explizit verlangte für die Anlieferung des Fahrzeugs frei Haus. Da mir 60 € zu unverschämt erschienen, ging ich nicht weiter der Frage nach, ob ich auch für die Abholung des Fahrzeugs vom Hotel nochmals 60 € hätte berappen müssen.

Einen gewissen Charme haben die quietschgelben Taxen auf Madeira, die sowohl als gewöhnliche Limousine vorkommen als auch als Van. Die Preise sind nicht überdurchschnittlich hoch.

Die Busverbindungen im Osten der Insel sollen sehr gut sein – allerdings habe ich das persönlich nicht ausprobieren können. Im weniger besiedelten Westen der Insel jedenfalls sind die Verbindungen grottenschlecht. Die meisten Busse, die ich hier antraf, standen leer am Straßenrand, weil der Fahrer offenbar gerade eine sehr ausgedehnte Pause machte.

StraĂźen und Tunnel

Sieht man mal von der Region um Funchal, der Insel-Hauptstadt, ab, wo sich auch der Flughafen befindet, hält sich der Autoverkehr in Grenzen. Der Zustand der Straßen ist sehr unterschiedlich. In recht gutem Zustand sind die hohen, tiefe Taleinschnitte überspannenden Brücken sowie die allermeisten der vielbefahrenen Tunnel, von denen es auf Madeira sehr, sehr viele gibt (die Rede ist von nahezu 150 Tunnelsystemen). Manchmal scheint es, als gäbe es mehr Straßen in als außerhalb von Tunneln. In weniger frequentierten Gebieten gibt es Tunnel, die wirken, als wären sie grob aus dem Fels herausgeschlagen, die Beleuchtung wirkt improvisiert, es tropft aus allen Ritzen von Decke und Wänden, der Asphalt ist holprig, so als wäre er schon seit zehn Jahren nicht mehr einer Renovierung unterzogen worden, und manche Tunnel sind so schmal, dass man sich wünscht, keinen Gegenverkehr zu haben.

Letzteres trifft auch auf manche Straßen zu, die sich am Meer entlang in schwindelnder Höhe um die steil abfallenden Felswände winden. Ich habe mehrere Situationen erlebt, in denen sich zwei Autos begegneten und die Straße so eng war, dass man unweigerlich anhalten musste, um dann in Millimeterarbeit an den rechten durch Mauerwerk begrenzten Fahrbahnrand heran und dann sehr langsam an dem entgegegenkommenden Fahrzeug vorbei zu manövrieren. Zuweilen musste auch ein Auto zurücksetzen bis zu einer Stelle, wo die Straße etwas breiter war. Jedenfalls erforderte flüssiges Fahren in moderatem Tempo auf Madeira ein wenig mehr Geschick als beispielsweise auf den Kanaren oder den griechischen Inseln.

Was mir auf den Straßen allgemein oft fehlte, waren ausführlichere Beschilderungen, die man andernorts gewohnt ist. Kurven in Serpentinen wurden nur selten durch Schilder angekündigt, auf vielen Strecken fehlten gut sichtbare Mittelstreifen und Randmarkierungen. Schilder, die zu bestimmten Orten wiesen, waren zuweilen ungünstig angebracht, manchmal fehlten sie ganz, so dass ich meiner Intuition folgen musste und mich auf mein Orientierungsvermögen verlassen. Dennoch gibt es trotz der sehr gebirgigen Landschaft und auch Dank der vielen Tunnel so viele Querverbindungen, dass ich mich zumindest nicht nachhaltig verfahren konnte.

Ein kleines Wanderparadies

Bezeichnend für Madeira ist, dass aufgrund der geografischen Gegebenheiten – vor allem steil aufragende Felsmassive – Straßen wie auch Wanderwege oftmals nur straight bergauf oder nur straight bergab gehen und das häufig bei starken Steigungen bzw. starkem Gefälle – vermutlich ein Paradies fürs Fitness-Training für Radler, die sich auf die „Tour de France“ vorbereiten wollen. Das macht sowohl das Wandern als auch das Autofahren zu einer etwas anstrengenderen Herausforderung.

Landschaftlich ist Madeira einmalig – für Wanderer ein besonderer Leckerbissen. Es gibt sehr viele ausgewiesene Wanderrouten, die meisten davon sind allerdings leider nicht jene Rundgänge, die man sich als Wanderer immer wünscht, weil sie die ganze Zeit Vielseitigkeit versprechen, sondern Routen, die man nur hin- und hergehen kann, so dass man auf dem Rückweg meist dasselbe erblickt, was man auch schon auf dem Hinweg gesehen hat.

Verglichen mit den Gebirgen auf den griechischen Inseln oder den Kanaren wirken die Gebirgsmassive auf Madeira gewaltig und beeindruckend. Und selbst zur trockneren Sommerzeit lassen sich auf Wanderungen unzählige Wasserfälle in allen Größen entdecken.

Zu den madeirischen Besonderheiten zählen die als Levadas bezeichneten künstlich angelegten, vorwiegend überirdisch zu findenden Wasserleitungen, die unendlich viele Kilometer der Insel bedecken. Die meisten von ihnen werden von Pfaden und Wegen begleitet, die sich hervorragend für ausgedehnte Wanderungen eignen. Einige verlaufen mitten durch Gebirgsmassive: In von Menschenhand geschaffenen Tunnels kann man den künstlichen Kanälen folgen – sofern man eine Taschenlampe mit dabei hat, trittsicher ist und einen guten Gleichgewichtssinn hat.


Besonders Flora-Liebhaber werden auf ihre Kosten kommen. Allein die zahlreichen Lorbeer- und Eukalyptuswälder sind sehens- und auch riechenswert. Geradezu typisch sind auch die Unmengen an blauen und weißen hochgewachsenen Afrikanischen Liebesblumen, die die meisten Straßen säumen und dort geradezu wie Unkraut wuchern – ein herrlicher, weil auch ungewohnter Anblick. Hortensien und Strelitzien ergänzen farblich die allgemeine Blütenpracht

Sport auf Madeira

Im Gegensatz zu adäquaten gebirgigen Vulkan-Inseln gibt es auf Madeira offenbar nicht so viele sportbegeisterte Radler – vielleicht sind hier die heftigen Steigungen und Gefälle nicht jedermanns Sache. Jogger habe ich hier kaum sehen können – ich war offenbar die einzige weit und breit, die sich auf diese Art fortbewegte.

Warf man vornehmlich in den intensivsten Sonnenstunden einen Blick aufs Meer, entdeckte man häufig Segelyachten. Einige von ihnen hatten sich regelmäßig den mit Bojen gekennzeichneten Liegeplätzen vor Paúl do Mar genähert, wo sie schließlich festmachten. Aber in keinem einzigen Falle war zu erkennen, dass mit Segeln hantiert wurde; vielmehr wurde von den eingebauten Motoren Gebrauch gemacht, um sich fortzubewegen. Durch das Teleobjektiv waren waschbärbauch-gestählte und gebräunte Männerkörper zu erkennen und Badenixen in Bikinis, die sich auf den Decks räkelten. Wenn die Männer nicht gerade an ihren Flaschen saugten (man braucht vermutlich nicht lange raten, um welches Getränk es sich dabei wohl gehandelt haben dürfte), düsten sie wie bescheuert mit ihren motorisierten Beibooten um die geparkten Yachten herum, machten Lärm und verbrauchten sinnlos Unmengen an Sprit.

Die Sprache

Eigentlich wurde es mir bereits nach wenigen Tagen klar, aber am Ende des Urlaubs war ich mir sicher: Portugiesisch ist eine Sprache, die ich nicht wirklich lernen möchte. Einigermaßen mit der spanischen Sprache vertraut, hatte ich die Hoffnung, schnell ein paar Brocken Portugiesisch lernen zu können, weil die Schriftsprache dem Spanischen sehr ähnlich ist. Aber diese Aussprache! Wenn ich Portugiesen lauschte, kam es mir immer vor wie ein Gestammel aus vielen verschiedenen Sprachen – da waren Anklänge drin aus dem Holländischen, oft hatte man auch das Gefühl, dass sich da eine Menge Ostblock-Laute in die Sprache verirrt hatten. Spanisch jedenfalls kam mir die Sprache kein Stück vor. Und bei diesem Gebrabbel der Einheimischen fragte ich mich so manches Mal, wie sie bloß das Kunststück fertigbringen, sich bei diesem Konglomerat aus „s“- „dsch“- und „sch“-Lauten gegenseitig zu verstehen (aber vermutlich ergeht es den Portugiesen mit der deutschen Sprache ähnlich).

Aber letztlich scheint es auf Madeira keine Schande zu sein, die portugiesische Sprache nicht zu beherrschen, denn hier ist man – egal, ob in den Touristenhochburgen oder im hinterletzten Bergdörfchen – des Englischen mächtig und wird, sobald man als Ausländer identifiziert ist (woran auch immer Einheimische das festmachen, denn man muss zuvor nicht mal den Mund aufgemacht haben), umgehend in Englisch angesprochen.

Die Einheimischen

Man sagt ja den Portugiesen durchaus nach, dass sie sehr zurückhaltend sind. Nun ja – das sind die Spanier auch, aber irgendwie anders.


Ich habe die Einheimischen eher als ein wenig stur und unfreundlich empfunden. Auf der Insel, von der ich in der kurzen Zeit sehr viel zu sehen bekam, fand ich nur wenige Ausnahmen. Besonders positiv ist mir das kleine Bergdörfchen Fontes mehr im Süden der Insel in Erinnerung. Dort schienen die Leute zufriedener zu sein als andernorts. Fast nur dort gab man sich beispielsweise richtig Mühe, meine kläglichen Versuche, in einem Lokal zwecks Bestellung ein paar portugiesische Brocken von mir zu geben, geduldig zu korrigieren. Während dieses kurzen Aufenthalts habe ich mehr von der Sprache begriffen als die ganzen Tage zuvor. Da hier – wie auch im Umkreis vieler anderer Bergdörfer – vieles noch sehr ursprünglich ist, könnte es sein, dass man hier noch nicht so sehr von der großen weiten Welt abhängig ist, sich weitestgehend selbst versorgt und von daher mehr Grund zur Zufriedenheit hat.


Im Dörfchen Paúl do Mar fiel auf, dass sich den ganzen Tag lang und auch in den Abendstunden immer wieder dieselben Dorfbewohner – jung wie alt – an bestimmten Stellen versammelten, um Karten zu spielen, Bier zu trinken oder einfach nur blöd rumzustehen und mehr oder weniger lautstark über Gott und die Welt zu philosophieren (das erinnerte ein wenig an das, was man auf Trinidad & Tobago „Liming“ nennt: das Rumhängen im Sinne von Nichtstun). Diese Leute machten aufgrund ihres ganztägigen Zeitvertreibs schon sehr den Eindruck, arbeitslos zu sein – kein Wunder, denn Portugal zählt bekanntlich schon längst nicht mehr zu den prosperierenden Nationen Europas, was eine eher höhere Arbeitslosenquote impliziert.

Ein wenig merkwürdig wirkte der an der Hauptstraße unmittelbar neben dem Meer an vielen Stellen auf einer Mauer zum Trocknen ausgelegte Fisch. Offenbar lag der da tagelang – ungeachtet hungriger Möven, Fliegen und ekliger nachtaktiver Insekten ...

Am Wochenende jedenfalls verstand man es hier sehr wohl, ausgiebig zu feiern. Zuweilen schien es, als seien hier alle jungen Bewohner Madeiras in der Sackgasse von Paúl do Mar zu Besuch. Die schmale Straße war über mehr als einen Kilometer hinweg mit Autos verstopft – Hotelgäste mit Mietwagen hatten ihre liebe Not, ihr Fahrzeug irgendwo in der Nähe zu parken, denn selbst der hoteleigene Parkplatz war völlig hemmungslos mit Autos überfrachtet. Des Nachmittags badete und sonnte man sich ausgiebig mit Caipirinha und Cerveja (portugiesisch für Bier) – vorzugsweise am Kiesstrand oder auf betonierten Flächen, denn Madeira verfügt eigentlich über keine nennenswerten Sandstrände –, abends ließ man es bei noch mehr Cerveja, Caipirinha und Reggae-Musik so richtig krachen – bis mitten in die Nacht war das muntere Treiben zu verfolgen.

Natürlich hat das Leben auf einer sonnigen Insel wie Madeira seine dunklen Seiten – dazu zählt auch hier der Tod. In dem Dörfchen Paúl do Mar gab es einen kleinen, sehr gepflegten Friedhof, der sich vor allem dadurch auszeichnete, dass Gräber mit Grabsteinen grundsätzlich auch Fotos der Verblichenen zeigten – eine, wie ich finde, ganz besondere und liebevolle Form des Gedenkens und Erinnerns.

Der RĂĽcktransfer zum Flughafen

Irgendwann ist auch der schönste Urlaub zu Ende, und dann möchte man eigentlich so schnell wie möglich nach Hause. Insofern war es erfreulich, dass der für den Transfer zuständige Kleinbus bereits zehn Minuten vor der geplanten Abholzeit vorm Hotel ankam.

Auf dem Rückweg mussten noch zwei andere Parteien abgeholt werden. Die erste stieg bereits im nächsten Ort zu. Die zweite erst einen Ort vorm Flughafen.

Die zweiwöchige Fahrerei mit dem Mietwagen hatte bei mir schon mal zu einer gewissen Ortskenntnis geführt, so dass mir schnell klar wurde, dass der Kleinbusfahrer einen ganz speziellen Weg (möglicherweise eine Abkürzung) fuhr, um die zweite Partei abzuholen. Jedenfalls wurde der Straßenbelag immer rauer und die Straßen immer enger, sodass kaum mehr zwei Fahrzeuge aneinander vorbeikamen. Schließlich kam da eine Stelle, die sehr feucht war, was daher rührte, dass hier ein kleiner Wasserfall von einem Steilhang herab direkt auf die Straße plätscherte. Unter dem Wasserfall hielt der Fahrer an, betätigte die Scheibenwischer und fuhr immer mal wieder einen Meter vor und einen Meter zurück – vermutlich, bis er sicher war, dass der kräftige Wasserstrahl alle Stellen des Kleinbusses erreicht hatte. Im Nachhinein war ich mir nicht sicher, ob der Fahrer diese Route gewählt hatte, um seinen Fahrgästen vor der Abreise noch ein wenig ausgesprochen schöne Landschaft zu präsentieren oder ob er nur für lau eine Fahrzeugwäsche wahrnehmen wollte – denn das Fahrzeug hatte diese durchaus nötig.

Als schließlich die zweite Partei zugestiegen war und die Fahrt bereits fortgesetzt wurde, hörte ich einen der beiden zuletzt Eingestiegenen (Deutsche), die auf den beiden Plätzen rechts vom Fahrer Platz genommen hatten, wie er den Fahrer auf den nicht funktionierenden Sicherheitsgurt hinwies. In bestem Deutsch erklärte er „kaputt!“, gefolgt von der Anweisung in Englisch, man möge doch „because of the cops“ den Gurt anlegen und sich mit dem Oberschenkel draufsetzen, damit es wenigstens so aussehe, als hätte man den Gurt ordnungsgemäß angelegt; denn – so war zu erfahren – ein nicht angelegter Gurt wurde in Portugal derzeit offenbar mit 25 € geahndet. Ich war nur froh, dass ich nicht in der Haut dieser Deutschen steckte, sonst hätte der Fahrer ein echtes Problem gehabt: Denn der Kleinbus war bis auf den letzten Platz besetzt und es war da kein weiterer Sitzplatz übrig mit einem funktionierenden Sicherheitsgurt!

ResĂĽmee

Es gibt sicherlich nicht so viele Locations auf der Welt, von denen man sagen kann: „X sehen – und sterben!“ Dazu zählen vielleicht so kleine Paradiese wie das eine oder andere Ressort der Malediven. Madeira gehört nicht wirklich in diese Kategorie (schon gar nicht, wenn man in Paúl do Mar versumpft), auch wenn es landschaftlich fraglos ein Kleinod im Atlantik ist. Ich werde künftig meinen Urlaub bestens ohne Madeira verleben können.