bulla-blog
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Zeitgeist:
Kommunikation

Übersicht

  • „Bleib zu Haus!“
    Ehe man sich versieht, hat
    man einen neuen Mobilnetz-Anbieter ...

  • Flodders & Co.
    Kommunikationskritikerin Tina Beil ĂŒber die Ansprache am Telefon
  • Telefon-Knigge
    Ein paar Tipps ...
  • Ruf-Mord
    Zeit-Totschlag-Opfer Timo Beil zum Thema „Hotlines“
  • Smombies
    Krankhafter Zeitgeist
  • Wiedergeburt
    Über die positiven Seiten des
    obsoleszenzgeschĂŒttelten Telekommunikationswesens
  • Dialoge
  • Kommunikation heutzutage
  • Es lebe der Phlegmatismus!
    Über ein Inserat bei „Ebay“ ...
  • „Fasse dich kurz!“
    Wenn mir Herr Telekom mal wieder auf die Nerven geht ...
  • Schreckensvision
    fĂŒrs 21. Jahrhundert
  • Zitate aus dem Internet
    Zitat
  • Quellen-Angabe obligatorisch
  • Selbst-Bedienung
    Timo Beil ĂŒber ein paar denkwĂŒrdige Errungenschaften der heutigen Zeit
  • Was bin ich doch wieder modern!
    Timo Beil ĂŒber unzuverlĂ€ssige Telekommunikations-User
    Teil 1: Der Handy-Nutzer
  • Der Bayer und der Dubaier
    Dialog

„Bleib zu Haus!“

Ehe man sich versieht,
hat man einen neuen Mobilnetz-Anbieter ...

Eh man sich versieht, hat man einen neuen Mobilnetz-Anbieter. Am 30. MĂ€rz 2020, inmitten der Corona-Krise, hieß meiner plötzlich „BliebZuHaus T.de“ ...

So jedenfalls stand das oben links auf meinem Smartphone-Display, wo normalerweise „Telekom.de“ zu lesen ist. Eigentlich eine gute Idee, das obligatorische Motto dieser Tage auf diesem Wege zu kommunizieren. Man kann es derzeit gar nicht oft genug sagen, weil man den Eindruck gewinnt, dass die Menschen allmĂ€hlich etwas zappelig werden und geneigt sind, die Situation etwas zu lockern und nicht mehr gebĂŒhrend ernstzunehmen. Man hat das GefĂŒhl, sie hocken bereits in den Startlöchern und warten nur noch ungeduldig auf den Startschuss, um wieder NormalitĂ€t in das Leben einkehren zu lassen. Das ist natĂŒrlich allzu verstĂ€ndlich.

Man kann von den staatlich verordneten BeschrĂ€nkungen halten, was man will – feststeht aber: Sie sind derzeit Gesetz, und jeder muss sich daran halten, und zwar so lange, bis eine anderslautende Parole ausgegeben wird. Es dauert halt, so lange es dauert.

Ich halte den Staat durchaus fĂŒr so umsichtig, dass er unsere Geduld nicht ĂŒber GebĂŒhr strapazieren wird, denn schließlich hĂ€ngt von der Dauer der derzeitigen BeschrĂ€nkungen ganz massiv das Wirtschaftswachstum ab. Ein Finanzminister, der noch bis vor kurzem die „Schwarze Null“ gepredigt hat, hat sicherlich absolut kein Interesse daran, den Schuldenberg ins Unermessliche steigen zu lassen.

So lautet also seit MĂ€rz 2020 die Devise: Haben wir Vertrauen und halten wir uns an die Vorgaben!

Übrigens: Wer des Wortes „Corona“ noch immer nicht ĂŒberdrĂŒssig sein sollte, fĂŒr den bietet diese Homepage noch mehr zum Thema, z. B. „Das MĂ€rchen vom Corona-Virus“ ...



Flodders & Co.

Kommunikationskritikerin Tina Beil
ĂŒber die Ansprache am Telefon

(Abb.: N. N. / photoshopped: Frank R. Bulla)

KĂŒrzlich habe ich meine Freundin Britta angerufen, eine Alleinerziehende, die sich – wie der Rest ihrer Familie – zumindest einigermaßen korrekt mit Familiennamen am Telefon meldet.

Nach ein paar Mal Klingeln wird am anderen Ende der Hörer abgenommen: „Freytag.“ „Hallo, Britta!“ antworte ich. „Nein, hier ist Solveig“, bekomme ich als Erwiderung. Solveig ist Britta's Tochter und hat die gleiche Stimmlage wie ihre Mutter. Finja, Solveig's Zwillingsschwester, hört sich natĂŒrlich ebenso an wie die anderen beiden Weibchen im Hause.

Ich weiß nicht mal, was schlimmer ist: dass ich immer wieder darauf hereinfalle oder dass Britta meinen Tipp, dass man sich doch kĂŒnftig auch mal mit vollem Namen am Telefon melden könnte, stetig in den Wind schlĂ€gt.

Vielleicht sollte ich mir mal eine List ĂŒberlegen, um die Familie doch noch zu der von mir favorisierten Namensnennung zu bringen. Vielleicht irgendetwas Kompromittierendes, das ich am Telefon vorbringe, ohne zu wissen, wer wirklich am Apparat ist ...

Oder kennen Sie folgende Situation? Sie haben da dieses kleine Problem im Haushalt, ĂŒber das Sie mit Ihrer besten Freundin sprechen wollen. Aber Ihre Freundin hat damit gar keine Erfahrung, winkt ab, kennt jedoch eine Frau, die sich damit auskennt. „... eine sehr gute Bekannte von mir – ist eine ganz Liebe!“ Nachdem sie in ihrem AdressbĂŒchlein geblĂ€ttert hat, teilt sie Ihnen die Telefonnummer dieser ganz Lieben mit, erzĂ€hlt noch kurz anhand eines Beispiels, wie allwissend und vor allem hilfsbereit und liebenswĂŒrdig ihre Bekannte ist und entlĂ€sst Sie mit den Worten: „Die kann dir bestimmt weiterhelfen. Sie ist eine Seele von einem Menschen.“

Gut vorbereitet auf diese wildfremde Heilige, die in den höchsten Tönen gelobt wurde, mache ich mich auf den Weg nach Hause, zeichne in Gedanken schon ein Bild dieser warmherzigen Person, sehe sie geradezu vor mir, wie sie – einen Heiligenschein ĂŒber dem Kopf – hilfsbereit zum Telefon eilt, um den Hörer abzunehmen und mit sanfter Stimmer in den Hörer zu flöten: „Wie kann ich dir weiterhelfen?“

Zu Hause angekommen, greife ich in froher Erwartung sogleich zum Telefon, wĂ€hle die Nummer und vernehme, dass es am anderen Ende bimmelt. Nach einer kleinen Ewigkeit – gefĂŒhlten zwanzig Mal Klingeln – nimmt endlich jemand ab. Mit einer Stimme, die sehr stark an Frau Flodder erinnert, jene Mutter in der hollĂ€ndischen Filmtrilogie, die dem Prekariat alle Ehre macht und optisch durch Kippe im Mundwinkel, Hauskittel, Gummistiefel und eine versoffene Stimme besticht, brĂŒllt jemand ins Telefon: „Jaaa?“

Rufe ich jemanden das erste Mal an, bin ich eigentlich recht froh darĂŒber, wenn sich dieser Jemand mit Namen am Telefon meldet. Denn es könnte ja immerhin sein, dass ich beim Notieren der Nummer versehentlich einen Zahlendreher eingebaut habe.

Aber wenn dann am anderen Ende jemand lediglich in die Sprechmuschel bellt ... Da frage ich mich, ob ich an dieser Stelle wirklich meinen Namen preisgeben sollte – ich weiß ja schließlich nicht, wo ich da am Ende gelandet bin. Deswegen habe ich mir im Laufe der Zeit angewöhnt, solchem „Jaaa?“ – selbst wenn es eine Idee freundlicher rĂŒberkommt – mit einem „Hier auch Jaaa!“ zu begegnen. Das fĂŒhrt in der Regel zunĂ€chst mal zu einer kleinen Pause in der Kommunikation, gefolgt von einem „Wer ist denn da?“, das ebenso laut und nach Flodder'scher Hausfrauenart rĂŒberkommt wie das eingangs dargebotene „Jaaa?“ – vollkommen gegensĂ€tzlich zu dem ĂŒberaus freundlichen „Wer ist denn da? Ja, wer ist denn da?“, das erwachsene Menschen gerne mal verwenden, wenn sie die Kommunikation mit kleinen Hunden oder SĂ€uglingen suchen.

Ich beende – je nach Dringlichkeit – das GesprĂ€ch dann manchmal auch mit Worten wie: „Hier ist die ARD-Fernsehlotterie. Sie hĂ€tten beinahe ein Traumhaus im Wert von einer Viertelmillion gewonnen. Aber offenbar habe ich nicht den richtigen Anschluss erwischt. Einen schönen Tag noch!“ Und dann lege ich auf.

Mein Haushaltsproblem ist dadurch sicherlich nicht gelöst, aber Frau Flodder wird das möglicherweise zu denken geben (wĂ€hrend sie um den Esszimmertisch stampft, 'ne Fluppe im Maul, 'ne Wanne mit einer undefinierbaren braunen Pampe unterm Arm, um mit einer großen Kelle allen Familienmitgliedern großzĂŒgig das Essen aufzutun) ...



Telefon-Knigge

Ein paar Tipps ...

  • Wenn das Telefon klingelt, sollte man möglichst erst nach dem zweiten oder dritten Klingeln den Hörer abnehmen. Unmittelbar nach dem ersten Klingeln abzunehmen, könnte den Eindruck erwecken, dass man nichts Besseres zu tun hat. LĂ€sst man das Telefon mehr als dreimal klingeln, könnte der Anrufer ungeduldig werden.
  • Sich nur mit einem „Ja?“ oder einem „Hallo?“ zu melden, ist allemal unhöflich. Melden Sie sich zunĂ€chst mit dem Firmennamen und erst dann mit Ihren Namen. Das hat den Vorteil, dass der Anrufer in jedem Falle Ihren Namen mitbekommt, selbst, wenn er den Anfang Ihres Meldens verpasst hat. Als unhöflich gilt, den Hörer abzunehmen, wĂ€hrend man noch mit einer anderen Person im GesprĂ€ch ist oder noch die letzten Reste der Zwischenmahlzeit kaut. Als unhöflich gilt ebenfalls, sich mit „Herr Sowieso“ oder „ Frau Sowieso“ zu melden – entweder belĂ€sst man es beim Nachnamen oder aber man setzt noch den Vornamen dazu („Firma MĂŒller – Sowieso“ oder „Firma MĂŒller – Sie sprechen mit Paul Sowieso“).
  • Falls Ihnen der Anrufer nicht bekannt ist, merken oder notieren Sie sich seinen Namen. Sollten Sie den Namen nicht richtig verstanden haben, fragen Sie sicherheitshalber nochmal nach. Denn es ist durchaus höflich, den Anrufer im Laufe des GesprĂ€chs und auch bei der Verabschiedung mit Namen anzusprechen – dadurch zeigen Sie Interesse an seiner Person.
  • Nachdem sich der Anufer namentlich gemeldet hat, sollte man ihn nicht ‚im Regen stehenlassen‘ und mit einer kurzen Frage (z. B.: „Was kann ich fĂŒr Sie tun?“) fĂŒr eine gute GesprĂ€chs-AtmosphĂ€re sorgen.
  • Sie sollten dem Anrufer zuhören und ihn ausreden lassen. Ihr Interesse können Sie dadurch bekunden, dass Sie gelegentlich Laute von sich geben, die darauf schließen lassen, dass sie dem GesprĂ€ch aktiv folgen.
  • Sollte es nötig sein, dass Sie den Anrufer zwecks RĂŒcksprache oder Weiterleitung in die Warteschleife befördern mĂŒssen, tun Sie dies mit Worten, wie „Wollen Sie bitte einen Moment warten!?“
  • Beendet werden sollte das Telefonat ebenso höflich – optional mit guten WĂŒnschen, mindestens aber mit einer ansprechenden Abschiedsformel. Einfach aufzulegen, geht ĂŒberhaupt nicht, wird aber gar nicht so selten praktiziert.



Ruf-Mord

Zeit-Totschlag-Opfer Timo Beil
zum Thema „Hotlines“

KĂŒrzlich wollte ich mal wegen ein paar telekommunikativer Schwierigkeiten ein ernstes Wörtchen mit Herrn Telekom reden – aber er war mal wieder nicht zu Hause, sondern nur einige seiner unendlich vielen bienenfleißigen Mitarbeiter, die – vereint in riesigen Call-Centern – sich insbesondere auf das Weitergeben von immer neuen Hotline-Nummern offenbar bestens verstehen. Geradezu „Guinness-Buch“-verdĂ€chtig, wie man mit wenig Aufwand viel Zeit totschlagen kann. Da bekommt Ruf-Mord eine völlig neue Bedeutung.

Nach anderthalb Stunden ist mein telekommunikatives Problem nicht wirklich gelöst bzw. konnten mir weder Herr Telekom noch einer seiner bienenfleißigen Mitarbeiter aus einem der zahlreichen Call-Center wirklich weiterhelfen. DafĂŒr habe ich einen wunden Zeigefinger vom vielen WĂ€hlen, einen steifen Nacken vom stundenlangen Hörerhalten, einen eingeklemmten Nerv im Bereich der LendenwirbelsĂ€ule vom vielen Sitzen, ein Sausen im Ohr von den elektronischen Stimmen, die ich vor jedem Dialog in den zahlreichen Warteschleifen zu hören bekam und auch von den Background-GerĂ€uschen, die die zahlreichen Stimmen in einem Call-Center nun mal so mit sich bringen. Nicht zu vergessen: Mein tierisches HungergefĂŒhl und einen trockenen Mund, weil ich seit geraumer Zeit nicht vom Kommunikationsgriffel weggekommen bin – schließlich will man nicht einfach auflegen, weil es ja immerhin sein könnte, dass man jeden Augenblick genau die Antwort bekommt, die einem der Problemlösung erheblich nĂ€herbringt ...

Mittlerweile habe ich eine hĂŒbsche Sammlung an Hotlines. Also: Falls Sie mal irgendeine adĂ€quate Nummer suchen: Rufen Sie mich einfach an – da ist bestimmt auch etwas fĂŒr Sie dabei. Allerdings ohne Garantie, dass Sie unter der Nummer genau das bekommen, was Sie erwarten. Aber vielleicht sind Sie ja nur einsam – dann spielt es eh keine Rolle, ob Sie richtig verbunden sind: Hauptsache, Sie haben jemanden zum Reden oder jemanden, der Ihnen zuhört.

Im ĂŒbrigen ĂŒberlege ich mir gerade, ob ich mir beruflich nicht ein weiteres Standbein verschaffen sollte, indem ich ein Call-Center aufmache, das sich mit dem Sortieren von Hotline-Nummern und auch mit jenen telekommunikativen Problemchen befasst, die man des öfteren hat, wenn man den intensiven Kontakt zu Herrn Telekom sucht.



Smombies

Krankhafter Zeitgeist

(Grafik: © Frank R. Bulla)

Vielleicht kennen Sie auch diesen „Postillon“-Beitrag: „Neue App warnt beim Gehen vor Kollisionen mit anderen Smartphone-Nutzern“? Dieser Beitrag wurde bereits im Jahre 2012 verfasst – und inzwischen gibt es kaum mehr eine Altersgruppe, mit der ich noch nicht kollidiert bin. Selbst Leute jenseits der 60 sind bereits dem Wahn verfallen.

Es gibt im Grunde genommen keinen öffentlichen Bereich mehr, wo man nicht irgendwen antrifft, der vor lauter Smartphone ĂŒberhaupt nicht mehr so richtig mitbekommt, was um ihn herum passiert. Selbst eine normale Kommunikation leidet zuweilen, weil wenigstens einer der Beteiligten seinem Smartphone mindestens ebenso viel Aufmerksamkeit schenkt wie seinem GegenĂŒber.

Dass beim Gebrauch von Fahrzeugen die Benutzung von MobilgerĂ€ten ohne Freisprech-Einrichtung seit 2017 höhere Ordnungsgelder zu zahlen sind, ficht viele Leute nicht an. Autofahrer nehmen es offenbar in Kauf, im Falle des Ertapptwerdens 100 Euro berappen zu mĂŒssen und einen Punkt in Flensburg zu bekommen (wird dabei ein Unfall verursacht, bedeutet das ĂŒbrigens zwei Punkte, 200 Euro und ein Monat Fahrverbot). Und Radfahrer scheint es ebenso wenig zu kĂŒmmern, dass das Vergehen mit 55 Euro zu Buche schlĂ€gt.

Genau genommen mĂŒssten auch viele FußgĂ€nger wegen verkehrswidrigen Verhaltens belangt werden, ĂŒberqueren doch viele von ihnen quasi blind Fußwege, Radwege, Straßen und stellen durchaus eine Gefahr fĂŒr alle anderen Verkehrsteilnehmer dar.

Unsere Gesellschaft ist ganz schön krank.



Wiedergeburt

Über die positiven Seiten des
obsoleszenzgeschĂŒttelten Telekommunikationswesens

(Foto: © Frank R. Bulla)

Dank dieser unsĂ€glichen Obsoleszenz, die uns die Hersteller in zunehmendem Maße auferlegen – nein, mit der sie uns Konsumenten geradezu quĂ€len! –, ist gestern nach einem fast zweieinhalbjĂ€hrigen erfĂŒllten Leben mein Zweit-Handy in den Mobiltelefonhimmel gekommen. Ganz erstaunlich, denn die letzten Handys hatten sich – bis auf eines – regelmĂ€ĂŸig bereits vor Ablauf der ihnen zugedachten Zeit (in der Regel kaum mehr als zwei Jahre) verabschiedet. Mal stellten sich merkwĂŒrdige Streifen und Flecken auf dem Display ein, die das Lesen zusehends störten, mal versagte das Display, vermutlich aber die gesamte Elektronik komplett – Kolbenfresser nach Handy-Manier.

Und ausgerechnet jenes erste Handy – das ich seinerzeit nach ĂŒber zwei Jahren nicht etwa austauschte, weil es kaputt war, sondern weil ich in einem kleinen Anfall von Konsumwahn etwas ZeitgemĂ€ĂŸeres hatte haben wollte – ist nun in die Bresche gesprungen. Es war damals das kleinste Handy, das ich bis dahin hatte, ist ausgesprochen robust, von knuddelig weichem Kunststoff und rundum abgerundet (geradezu Feng Shui-adĂ€quat), und es ist sogar spritzwassergeschĂŒtzt. Problemlos hat es sich nun reaktivieren lassen – und hat damit bereits das dritte Handy ĂŒberlebt. Manchmal ist es eben doch von Vorteil, wenn man nicht alles gleich wegwirft, bloß weil man es nicht mehr nutzt. Und es regt obendrein die kleinen grauen Zellen an: Wie war doch gleich das Passwort, das ich dem Mobiltelefon damals zugedacht hatte? Und ĂŒberhaupt: Wie funktioniert es doch gleich? Wie verschicke ich damit eine SMS? Wie nehme ich einen Neueintrag in der Kontaktliste vor? Und und und ...

Besonders beachtenswert fand ich den Umstand, dass in diesem alten Handy noch sehr viele Kontakte gespeichert sind, die schon lĂ€ngst den Weg aus meinem beruflichen wie privaten Leben gefunden haben. Einige davon sind sogar bereits völlig meinem GedĂ€chtnis entfleucht. Da sind private Kontakte vermerkt, mit denen ich mich auseinandergelebt habe, geschĂ€ftliche Kontakte, die auch die Zeit nicht ĂŒberdauert haben (vor allem jene, von denen nichts weiter geblieben ist als ein 30 Jahre wĂ€hrender amtsgerichtlicher Titel aufgrund eines Gerichtsvollzieher-Besuchs, der bein der Kundschaft fruchtlos endete).

Aber es sind auch erfreuliche EintrÀge geblieben: Menschen, zu denen ich noch immer einen Draht habe, selbst wenn man sich nicht mehr so hÀufig sieht wie noch vor sieben Jahren. Dazu fallen mir viele schöne Stunden ein, die ich mit diesen Menschen mal verbracht habe: Stunden vertrauter Unterhaltungen, Stunden bei SpaziergÀngen oder beim Sport, Stunden, die unwiederbringlich sind ...

Ich habe ein StĂŒckchen (meiner) Geschichte gefunden, das ich in diesem Ausmaß mit einem Festnetztelefon – vor allem einem einer Ă€lterer Bauart, nĂ€mlich mit WĂ€hlscheibe – niemals hĂ€tte wiederbeleben können (siehe hierzu auch den Beitrag unten: „WĂ€hlen statt tippen“!).

Übrigens war / bin ich mit dem „Siemens ME 45“ in bester Gesellschaft: Jason Bourne (Matt Damon) benutzte es gar in dem Film „Die Bourne-Verschwörung“!


DIALOGE

„Was wollen wir heute machen?“
„Wie immer: aneinander vorbeireden?“
„So warm ist es nun auch nicht.“
„Ich liebe dich!“
„Zweiundvierzig.“

*

Sie: „Du darfst dir heute das Essen aussuchen.“
Er: „Pizza.“
Sie: „Nein!“
Er: „Spaghetti.“
Sie: „Nein!“
Er: „Grillen.“
Sie: „Nein!“
Er: „Was magst du denn?“
Sie: „Mir egal – du entscheidest.“

*

„Hast du etwas gesagt?“
„Nein, das war gestern.“

*

(Zwei Greise mit Notebook auf der Parkbank)
Sie: „Sind Sie auch bei ‚Facebook‘?
Ich bin ‚Sexy Honey Bunny‘.“
Er: „Sehr angenehm, ‚Amazing Love Machine‘.“



Kommunikation heutzutage

(Grafik: © Frank R. Bulla)

Vor einiger Zeit postete ich mal bei „Facebook“ folgendes Statement, das mich immer mal wieder beschĂ€ftigt:

  • „Wir gehören der Generation von Menschen an, die einen Sachverhalt lieber eine halbe Stunde lang via ‚WhatsApp‘ klĂ€ren, statt eine Minute lang via Telefon.“

Ich ergÀnzte noch:

  • „... wobei man dann paradoxerweise auch noch mit möglichst vielen KĂŒrzeln arbeitet (‚LG‘, ‚vllt.‘ etc.), um nicht so viel tippen zu mĂŒssen.“

Eine Reaktion ließ nicht lange auf sich warten:

  • „Stimmt, ja! Manchmal ist es ganz gut so, manchmal aber auch schade.“

„Schade“ scheint mir hier allerdings die Untertreibung des Jahrhunderts zu sein, ist es doch so, dass Messenger wie „WhatsApp“ die zwischenmenschliche Kommunikation immer mehr aufweichen. Man schickt eine Nachricht ab, hat dabei die Hoffnung, dass diese alsbald gelesen wird – aber sicher kann man sich dessen nicht sein. Und selbst die „blauen HĂ€kchen“ (siehe Abb.!) sind nicht wirklich ein Garant dafĂŒr, dass eine Nachricht tatsĂ€chlich gelesen, geschweige denn verstanden wurde. Und man kann auch nicht sicher sein, ob und wann darauf reagiert wird. Man kann sich bei dieser Form der Kommunikation nie sicher sein, ob die Nachricht inhaltlich beim GegenĂŒber so ankommt wie gewĂŒnscht, weil sich einerseits viele Leute schriftlich nicht gut ausdrĂŒcken können und andererseits viele Leute nicht richtig lesen können. Das fĂŒhrt regelmĂ€ĂŸig zu MissverstĂ€ndnissen – und darĂŒber kann auch ein breites Angebot an Smileys und Icons nicht hinwegtĂ€uschen.

Bei dieser „WhatsApp“-Kultur hat Kommunikation eine völlig neue Dimension bekommen. Einerseits sind da eben die Leute, die – wie eingangs festgestellt – lieber ellenlang herumtippen als – was sicherlich viel effektiver wĂ€re – miteinander zu telefonieren. Das passiert zum Teil so vehement, dass die Leute alles um sich herum vergessen: Sie gehen tippenderweise durch die FußgĂ€ngerzone, ĂŒber die Straße, fahren tippenderweise Fahrrad oder Auto (neuerdings vielleicht sogar E-Roller), um nur einige wenige AuswĂŒchse zu nennen, mit denen auch Mitmenschen gefĂ€hrdet werden ...

Eine Krönung hat das Ganze noch erfahren durch diese unsĂ€glichen Sprachnachrichten, die die Inhalte nicht wirklich besser und klarer rĂŒberkommen lassen, sondern noch mehr zum Zutexten verleiten, weil die elendige Tipperei halt doch anstrengend ist, selbst wenn man beim Tippen zur Erleichterung die „Sprache zu Text“-Funktion des Smartphones nutzen kann: Manchmal muss man sich dann minutenlanges Gequatsche anhören, ohne unmittelbar auf einzelne SĂ€tze direkt reagieren zu können.

FrĂŒher war vielleicht nicht alles besser – aber die Kommunikation war allemal direkter, weniger anstrengend und vor allem auch weniger missverstĂ€ndnis-anfĂ€llig.



Es lebe der Phlegmatismus!

Über ein Inserat bei „Ebay“ ...

Wir sind immer mehr umgeben von phlegmatischen Zeitgenossen. KĂŒrzlich habe ich meine gepflegte analoge „Canon“-Kamera (die ĂŒbrigens noch immer zu haben ist, weil ich das Inserieren wegen einiger höchst merkwĂŒrdiger Interessenten vorerst aufgegeben habe; NĂ€heres am Fuße dieses Beitrags!) bei „Ebay“ inseriert – inklusive Foto sowie meiner Handy-Nummer und unter Angabe des Namens des 3.800-Seelen-Dorfes, in dem ich wohne, damit der Inserent weiß, wie weit er im Falle eines Falles fahren mĂŒsste.

Unter anderem meldete sich jemand, der via „Ebay“-Benachrichtigung fragte, ob die Kamera noch zu haben ist. Da eine Handy-Nummer angegeben war und ich eh kein Freund von langen Kommunikationswegen bin, versuchte ich, den Menschen, der sich mit Daoud vorgestellt hatte, anzurufen. Fehlanzeige! Die Nummer war laut System-Ansage nicht vergeben. Na ja, ein Zahlendreher kann ja mal bei der Eingabe passieren. Insofern schrieb ich via „Ebay“-Benachrichtigung zurĂŒck. Ich erwĂ€hnte dabei auch die nicht erreichbare Mobilnummer und natĂŒrlich, dass die Kamera noch zur VerfĂŒgung steht.

In der Antwort von Daoud wurde die falsche Telefonnumner mit keiner Silbe erwÀhnt, auch hatte keine Korrektur der Nummer stattgefunden, aber er fragte mich (in der Du-Form, was man einem offensichtlichen Migranten nicht anlasten kann, weil er es möglicherweise von manchen Fremden gewohnt ist, respektlos geduzt zu werden), ob ich ihm noch mehr Fotos von der Kamera senden könnte.

Einen Moment war ich am ĂŒberlegen, ob ich ihm spaßeshalber anbiete, wahlweise eine „Power Point“-PrĂ€sentation anzufertigen oder bei ihm persönlich inklusive Kamera vorstellig zu werden oder ihm die Kamera unverbindlich zur Ansicht zuzusenden, damit er sich von der QualitĂ€t des guten StĂŒcks ĂŒberzeugen kann; natĂŒrlich wĂŒrde ein Zertifikat ĂŒber eine kriminaltechnische Untersuchung beigefĂŒgt, das u. a. die auf der Kamera befindlichen FingerabdrĂŒcke ausschließlich als meine eigenen identifizieren wĂŒrde und das selbstverstĂ€ndlich auch sĂ€mtliche Gebrauchsspuren dokumentiert ...

TatsĂ€chlich aber schrieb ich zurĂŒck (in der Sie-Form – so viel Höflichkeit muss sein!), dass das ihm bekannte Foto aussagekrĂ€ftig genug ist und dass er sich schon zu mir bemĂŒhen mĂŒsste, wenn er die Kamera nĂ€her unter die Lupe nehmen wolle. Er meldete sich nicht mehr.

Übrigens: Wer ernsthaft Interesse an der Kamera hat, hier die Eckdaten:

„Canon EOS 1000 F“ mit Standard-Objektiv (35-80 mm), gepflegt, guter Zustand, zum Preis von 85 Euro abzugeben.

(Foto: © Frank R. Bulla)



„Fasse dich kurz!“

Wenn mir Herr Telekom mal wieder
auf die Nerven geht ...

(Grafik: © Frank R. Bulla)

„Nimm RĂŒcksicht auf Wartende! Fasse dich kurz!“ – so lautete ganz frĂŒher mal die plakative Aussage an den gelben Telefonzellen. Inzwischen gibt es kaum mehr Telefonzellen (seit 1994 ist ihre Zahl in Deutschland von rund 170.000 auf etwa ein Zehntel im Jahre 2019 geschrumpft), weil alle Welt einen Festnetz-Anschluss daheim hat oder aber ein Handy. Gleichwohl fasse ich mich sehr kurz, zumal wenn bestimmte Anrufe eingehen ...

Das Handy klingelte. Ich schaute aufs Display. Es war leicht zu erkennen, dass es mal wieder Herr Telekom sein musste. Und der ruft fast immer nur dann an, wenn er mir mal wieder irgendein Produkt aufschwatzen will, was ich absolut nicht brauche. Ich nahm das GesprÀch an und meldete mich mit meinem Namen.

Bevor Herr Telekom nach ein wenig GesĂŒlze aber so richtig loslegen konnte, bremste ich ihn aus: „Moment, ich muss Sie mal kurz unterbrechen.“ Am anderen Ende der Leitung stoppte der Redeschwall unmittelbar. Ich fragte: „Haben Sie was zu schreiben?“ „Ja, klar“, war die Antwort. „OK, dann notieren Sie bitte, dass mich aus Ihrem Hause bitte keiner mehr unter dieser Nummer anruft, wenn er mir etwas verkaufen will, OK!?“

Ich hörte in der Leitung irgendeinen unartikulierten Laut, wollte aber nicht, dass dieser noch in irgendeiner Form mehr Gestalt annimmt und beendete das GesprĂ€ch höflich: „Ich wĂŒnsche Ihnen auf jeden Fall noch einen schönen Tag. Ciao!“

NatĂŒlich wird sich Herr Telekom wieder melden. Als ich vor geraumer Zeit schon mal am Telefon versuchte, der Gegenseite klarzumachen, dass ich keine Verkaufsanrufe mehr wĂŒnsche, sagte man mir, ich mĂŒsse dieses Anliegen schriftlich einreichen. Nachdem das GegenĂŒber auf meinen Einwand hin, dass ich nie – weder mĂŒndlich noch schriftlich – solchen Anrufen ĂŒberhaupt zugestimmt habe (allerdings musste ich einrĂ€umen, dass man mir vielleicht per Kleingedrucktem mal etwas untergejubelt haben könnte), nicht plausibel erklĂ€ren konnte, warum ich trotzdem solche Anrufe bekomme und dem Ganzen auch noch schriftlich widersprechen muss, legte ich seinerzeit einfach auf. Irgendwie hatte ich das GefĂŒhl, dass es da an einer gescheiten GesprĂ€chsgrundlage mangelt.

Einen Teil der Hotlines von Herrn Telekom habe ich vor lĂ€ngerem bereits im Festnetz und auf dem Handy gesperrt. Da Herr Telekom aber unzĂ€hlige Rufnummern hat, ist es schwierig, alle zu blockieren. Also werde ich kĂŒnftig, wie oben bereits erwĂ€hnt, verfahren – falls ich denn Muße habe. Ansonsten weise ich das GesprĂ€ch ab. So oder so notiere ich die Nummer in der Sperrliste. So viel Zeit muss sein!



Schreckensvision

fĂŒrs 21. Jahrhundert

Der Mensch braucht – zum Leidwesen der Lehrerschaft – keine Schule mehr, sondern bekommt staatlicherseits „tĂ€glich vier Stunden ‚Google‘“ verordnet sowie „mehrmals tĂ€glich eine Stunde Kommunikation bei ‚Facebook‘ mit Sugarhillie himself“. Letzteres vor dem Essen, damit man dieses fotografieren und nach der Mahlzeit posten kann.


ZITATE AUS DEM INTENET

„Das Dumme an Zitaten aus dem Internet ist,
dass man nie weiß, ob sie wahr sind.“

(Leonardo da Vinci)



Quellen-Angabe obligatorisch

Auch wenn das o. g. inzwischen berĂŒhmte Zitat samt Verfassernamen so was von offensichtlich nur ein Gag ist, macht es doch auch ein wenig die Misere deutlich, in der viele Zitate, die man im World Wide Web zu lesen bekommt, stecken. Da mit Zitaten oft sehr saumselig umgegangen wird, kommt es nicht selten auch zu falschen Zuordnungen. Es gibt unzĂ€hlige Aphorismen, die von berĂŒhnten Personen erdacht worden sein sollen, die mit der Thematik nie was am Hut hatten.

Sicherlich hat das auch was mit der WertschĂ€tzung einer Person zu tun, wenn man – wo auch immer – eine Aussage zitiert und dabei den Verfasser nennt. Und nicht selten ist es so, dass ein Zitat ein ganz anderes Gewicht bekommt, je nachdem, von wem dieses Zitat stammt. WĂŒrde beispielsweise ein KĂŒnstler wie Roberto Blanco in seiner Aussage das Wort „Neger“ verwenden, wĂŒrde das Ganze u. U. einen gewissen selbstironischen Touch bekommen, wohingegen dasselbe Wort, ausgesprochen von einem Björn Höcke, eine ganz andere Aussagekraft bekĂ€me.

So postete heute ein „Facebook“-Freund die folgende Aussage.

  • „Corona macht die Panik, die uns Mikroplastik in der Luft, der Hunger in der Welt und die Kriege nebenan schon lĂ€ngst hĂ€tten machen sollen.“

Da sowohl GĂ€nsefĂŒĂŸchen als auch Quellen-Angabe fehlten, hielt ich den Satz fĂŒr einen von diesem „Facebook“-Freund gefassten Gedanken – einem Gedanken, den ich ihm durchaus auch zugetraut hĂ€tte. Ich fand die Aussage im Übrigen so gut, dass ich sie in meine unfangreiche Zitatensammlung aufnehmen wollte – mit dem Namen besagten „Facebook“-Freundes als Verfasser.

Gleichzeitig war sein Posting mit einem Link zu einem Online-Medium versehen. Der verlinkte Beitrag drehte sich natĂŒrlich um das brandaktuelle Thema „Corona-Virus“. Überschrift und Untertitel hörten sich sehr vielversprechend an, weswegen ich mich anschickte, den ganzen Artikel zu lesen.

Mittendrin stolperte ich dann ĂŒber exakt jenen oben erwĂ€hnten Satz ĂŒber Panikmache.

Nun muss man sehen, dass es immer wieder Leute gibt, die einen Satz oder eine Überschrift lesen und schon meinen, die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben und die sich nicht darum scheren, inwieweit der nachfolgende Text die anfĂ€ngliche Aussage u. U. revidiert oder ins rechte Licht rĂŒckt. Das Prinzip kennen wir ja von der „Bild"-Zeitung, wo sich mancher Leser bereits nach Erfassen der reißerischen Überschrift im Bilde wĂ€hnt und erst gar nicht weiterliest.

Auch kann es passieren, dass man auf Grund fehlender Kenntlichmachung jemanden mit fremden Lorbeeren schmĂŒckt (falls er dies – absichtlich oder unabsichtlich – nicht bereits selbst tut), wĂ€hrend der eigentliche Verfasser sozusagen leer ausgeht.

Was ich letzten Endes sagen will: Es tut nicht weh, Zitate mit Autorennamen zu versehen. Dann weiß jeder, auf wessen Mist eine Aussage gewachsen ist. Und fĂŒr den Fall, dass man die Quelle nicht kennt, tut es zuweilen auch ein „Verfasser unbekannt“ oder ein „N. N.“ (Abk. fĂŒr „namentlich nicht bekannte Person“), um die Sachlage klarzustellen. Das Mindeste aber wĂ€ren GĂ€nsefĂŒĂŸchen, die das Geschriebene als das kennzeichnen, was es wie in obigem Beispiel ist: nichts selbst Ausgedachtes, sondern lediglich etwas Zitiertes. So viel Zeit muss sein!

Den interessanten und gut geschriebenen Beitrag ĂŒbrigens, der indirekt ĂŒberhaupt erst zu meinen Überlegungen zum Thema „Quellen-Angabe“ gefĂŒhrt hat, will ich hier natĂŒrlich niemandem vorenthalten:

  • „Kommentar zum Coronavirus: Pandemie der Panik

    Ruhig zu bleiben, fĂ€llt in Zeiten der Panikmache angesichts des Corona-Virus schwer. Warum wir es trotzdem tun sollten, erklĂ€rt unsere Autorin, Dozentin fĂŒr Hygiene, PrĂ€vention und Sozialmedizin an der Uni Bozen ...“

Selbst-Bedienung

Timo Beil ĂŒber ein paar denkwĂŒrdige
Errungenschaften der heutigen Zeit

(Abb. N. N. / photoshopped: Frank R. Bulla)

Was waren das noch fĂŒr Zeiten, als wir uns – nachdem wir Menschen uns Zehntausende, ja, Hunderttausende von Jahren um jeden Mist wirklich selbest kĂŒmmern mussten – ĂŒberall persönlich bedienen lassen konnten: im Tante-Emma-Laden, an der Tankstelle, in der WĂ€scherei, am Bankschalter, am Telefon ... Manche Dinge konnten und mussten wir uns sicherlich auch noch selbst besorgen: am heimischen Herd, mittels Staubsauger, Besen, Waschmaschine und BĂŒgelbrett.

Irgendwann kam es auf, dass wir in den sogenannten Supermarkt gingen und uns alles selbst mĂŒhselig zusammensuchen mussten. Das Ganze schimpft sich seither Selbst-Bedienung, was ja genau genommen ein Widerspruch in sich ist. Und seither nimmt das, was man eher als Kunden-Unfreundlichkeit oder Service-Defizit bezeichnen sollte, stetig zu:

An der Tankstelle ist da schon ewig lange nicht mehr der freundliche Tankwart, der wĂ€hrend des Tankvorgangs gar noch den Ölstand, den Wasserstand der Scheibenwaschanlage kontrollierte und die Klarsicht der Windschutzscheibe optimierte, bevor er kassierte und uns das Wechselgeld durchs Fahrerfenster reichte. Dort, wo es diesen Pseudo-Service noch gibt, macht – bestenfalls – der Bedienstete bereits vor Beginn seiner Handlangung darauf aufmerksam, dass fĂŒr den Spaß ein kleiner Obolus zu entrichten ist, schlechtestenfalls hĂ€lt er hinterher die Hand auf mit Hinweis auf das Schild mit dem Kleingedruckten gleich neben der ZapfsĂ€ule, auf dem von einem Euro die Rede ist.

Selbst Fastfood ist noch schneller geworden – dank der Drive-in-Schalter.

Am Bankschalter finden wir immer seltener Personal – vielmehr sind wir gehalten, uns das Geld selbst aus dem Automaten zu holen – selbst BankrĂ€ubern bleibt mittlerweile fast nichts anderes mehr ĂŒbrig, weswegen sie immer mehr auf Scheckkartenbetrug setzen oder gleich den ganzen Geld-Automaten in die Luft jagen.

Und selbst am Telefon finden wir immer hĂ€ufiger computer-gesteuerte Kommunikation, die uns lediglich ein „ja“ oder „nein“, ein „eins“, „zwei“ oder „drei“ oder eine sechzehnstellige Kundennummer abverlangt und im Falle, dass der Sprach-Computer uns nicht versteht, womöglich noch mit einem „Ich kann Sie leider nicht verstehen – bitte trainieren Sie Ihre Aussprache und versuchen es bald noch einmal“ aufwartet. Ja, selbst in großen SupermĂ€rkten gibt es mittlerweile Kassen, an denen keine Kassierein mehr sitzt, sondern nur noch ein Barcode-LesegerĂ€t angebracht ist.

Bald werden wir aus gegebenem Anlass – beispielsweise einem ausgebrochenen Feuer – die Notrufnummer 112 anrufen, wo uns dann – nachdem wir Namen und Adresse genannt haben – die Computer-Stimme erzĂ€hlt, wo der nĂ€chste Hydrant samt C-Rohr zu finden ist. Oder die Notrufnummer 110 anlĂ€sslich eines RaubĂŒberfalls: Die automatische Stimme fragt die zehnstellige Personalausweisnummer ab (wohl dem, der das Papier immer bei sich hat), erkundigt sich nach Namen, Adresse, dem gegenwĂ€rtigen Standort u. dgl. und schließlich auch nach dem Grund des Anrufs. WĂ€hrend das Analyse-Programm (die Behörde hat mittlerweile aufgerĂŒstet auf „Windows 98“) im Hintergrund arbeitet, gibt die verbeamtete Stimme aus dem Blechkameraden schon ein paar Anweisungen zur Selbsthilfe: einen Karate-Crash-Kurs und ein paar psychologische Tricks, um den Gegner zur oder aus der Ruhe zu brĂ­ngen etc. Was die Stimme leider nicht registriert: dass Sie bereits mit eingeschlagenem SchĂ€del neben dem Handy liegen, von dem aus Sie den Notruf abgesetzt haben ...

Ja, der Zeitgeist hat uns bereits voll erwischt! Am Ende werden wir uns – voller Selbst-Zweifel, weil wir nicht mehr sicher sind, ob es uns (als Kunden und als Menschen) tatsĂ€chlich noch gibt oder ob wir nur noch eine unbedeutende Figur in einer virtuellen Welt sind – der Selbst-Verleugnung hingeben.



Was bin ich doch wieder modern!     

Timo Beil ĂŒber unzuverlĂ€ssige Telekommunikations-User
Teil 1: Der Handy-Nutzer

(Foto: © Frank R. Bulla)

Kennen Sie auch diese Mitmenschen, die – wenn die Frage mal aufgeworfen wird, ob sie denn ĂŒber eine Handy-Nummer oder eine E-Mail-Adresse verfĂŒgen – laut „ja, selbstverstĂ€ndlich!“ rufen!? Aber selbst wenn dieses „ja“ doch etwas kleinlaut rĂŒberkommt, so wird es doch vom Fragenden als „ja“ registriert und in die entsprechende Aufstellung eingetragen – und zwar fatalerweise in der gleichen Art, wie man dies bei ernsthaften „Ja“-Sagern tun wĂŒrde: Name, Handy-Nummer, E-Mail-Adresse – ohne den geringsten Hinweis auf eine mögliche UnzuverlĂ€ssigkeit ...

Gibt es dann mal einen dringenden Anlass, der es nötig macht, diese mehr oder weniger leisen „Ja“-Sager zu erreichen, wird das Übel deutlich:

Ein Anruf auf dem Handy (das Schlimme: manche Leute haben gar keine Festnetznummer mehr!) wird quittiert mit der bekannten elektronischen Stimme: „Dieser Anschluss ist vorĂŒbergehend nicht erreichbar.“ Vermutlich dĂŒmpelt das dazugehörige GerĂ€t gerade in einer Ecke herum – verstaubt, entleert, verwaist. Gut, dass die Zeiten vorbei sind, als leere Batterien noch ausgelaufen sind – dann wĂŒrde manches Handy eines kleinlauten „Ja“-Sagers bereits im eigenen Saft schwimmen, und das doch völlig saft- und kraftlos.

Da es ja immerhin sein kann, dass der Angerufene zurzeit nur sein Handy ausgeschaltet hat, um in seiner notorischen Unerreichbarkeit nicht weiter gestört zu werden, es aber alsbald wieder einschaltet, um all der Nachrichten habhaft zu werden, die in der Zwischenzeit eingetrudelt sind, wird nun kurzerhand eine SMS an den „Ja“-Sager verschickt, ausgestattet mit der Bitte, sich wegen einer dringlichen Angelegenheit doch umgehend zu melden.

Wir wissen natĂŒrlich nie so genau, ob diese wohl mittlerweile luxuriöseste Form der Telekommunikation je seinen Adressaten erreichen wird. Bei manchem Billg-Anbieter bleibt eine SMS schon mal auf halbem Wege an irgendeinem Knotenpunkt hĂ€ngen, verheddert sich im eng gesponnenen Funknetz oder fĂ€llt auf Nimmerwiedersehen in ein ganz tiefes Funkloch. Aber selbst wenn die SMS zum Abruf bereitsteht, heißt das noch lange nicht, dass sie auch umgehend abgerufen wird: Vielleicht kann der „Ja“-Sager zwar mit seinem Handy telefonieren, kann aber mit einer SMS nicht viel anfangen, geschweige denn, sie beantworten; oder er liest sie zwar, aber vergisst, eine Antwort zu schicken („aus den Augen – aus dem Sinn“); oder er hat inzwischen schon zum wiederholten Male gemĂ€ĂŸ der noch immer wĂ€hrenden „Geiz ist geil“-MentalitĂ€t den Anbieter gewechselt, z. B. wegen der vorher zu beklagenden ominösen Funknetz-Knotenpunkte und Funklöcher (s. o.!), und die SMS landet als vermeintlicher IrrlĂ€ufer bei einem ganz anderen EmpfĂ€nger, der sich zwar ĂŒber den Inhalt der SMS, die angezeigte Rufnummer und ĂŒberhaupt sehr wundert, aber die Angelegenheit letzten Endes auf sich beruhen lĂ€sst, was den Absender ob dieser Änderung der BesitzverhĂ€ltnisse völlig in Unwissenheit belĂ€sst.

Da wĂŒnscht man sich doch die ĂŒberaus geniale Technik aus der 60er Jahre-Serie „Kobra ... ĂŒbernehmen Sie!“ herbei, wo sich nicht nur die Nachrichten selbst vernichteten, sondern am besten gleich das komplette AbspielgerĂ€t. Wenn so etwas dem Besitzer eines Handys widerfahren wĂŒrde, dass sich sein Handy ganz einfach selbst zerstört, wenn es sein Dasein 48 Stunden lang völlig unbeachtet und ausgeschaltet in irgendeiner dunklen Ecke fristet, wĂŒrde er sich beim nĂ€chsten Handy vielleicht ein wenig besser kĂŒmmern.

Vielleicht sollte man solche kleinlauten „Ja“-Sager auch erst so ganz allmĂ€hlich heranfĂŒhren an die Handy-Nutzung, z. B. durch das Üben mit einem Tamagotschi; und wenn das Tamagotchi eine Woche lang ohne Reset ĂŒberlebt hat, gibt's dann zur Belohnung schon mal ein AnfĂ€nger-Handy – mit Selbstzerstörungsmechanismus. Erst wenn dieses AnfĂ€nger-Handy wiederum eine Woche lang durch rege Nutzung durchgehalten hat, gibt es die ĂŒbliche Kommunikations-Einheit fĂŒr den erwachsenen User ...


DER BAYER UND DER DUBAIER

„Du Bayer?“
„Ich Bayer. Und du?“
„Dubaier.“
„Du Bayer?“
„Dubaier!“
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